Bergbau westlich von Innsbruck ?

Erstellt von Dr. Peter Gstrein | |   Historisches

Knappensteig, Knappental und Knappenweg

Die Landeshauptstadt Innsbruck im ausgehenden Mittelalter sowie der frühen Neuzeit eine Bergbaustadt? Ist schon richtig, wenngleich sie diesbezüglich nie die Bedeutung von Hall, Schwaz oder Kitzbühel erreicht hat. Immerhin gab es um diese Zeit an der Innsbrucker Nordkette vielenorts regen Bergbau; so besonders beidseitig des Höttinger Grabens im Raum Gramart - Höttinger Bild, wo der Bergsegen am reichsten war ("Hottinger Knappenlöcher").

Was man fand bzw. abbaute? Es kam nicht nur ein mit dem "Schwazer Silbererz" verwandter Fahlerztyp vor, der zudem mit um 0,8 % Silber reicher war als jener der damaligen Bergbaumetropole - auch das für die Silbergewinnung notwendige Mineral Bleiglanz, das in Schwaz fast nicht vorkam, fand sich an der Nordkette weit reichlicher, weshalb der Landesfürst diese Gruben - wenn notwendig - recht tatkräftig unterstützt hat, "um die Baulust zu fördern...".

Und dann gibt es ja noch den Knappensteig, der vom Gebiet Rauschbrunnen über Gramart unter der Hungerburg durch nach Mühlau führt(e). Warum? In Mühlau stand eine der landesfürstlichen Schmelzhütten, nachdem sie von der Kohlstatt an den Mühlauer Bach verlegt worden war.(Im Gebiet Dreiheiligen, an der Sill/Sult, wo es einst auch eine Silberbrennergasse gab, war den reichen Stadtbewohnern wohl die Umweltbelastung durch den giftigen Hüttenqualm unerträglich geworden). Dieser Weg diente z .T. den Knappen zum An- und Heimfahren, aber auch als kürzester Saumweg zwischen den höher droben gelegenen Gruben und dem Hüttenplatz. Der Bergbau zwischen dem Perwinchl, also dem Gebiet um das Höttinger-Bild-Kirchl, und dem aus der Kranebitter Klamm kommenden Sülzebach, war nicht so bedeutend und es soll im späteren 16. Jh. die Zahl der dort arbeitenden Knappen 1/4 jener vom Höttinger Berg betragen haben. Jedenfalls wird diese Relation bei einem aktenkundig gewordenen Knappenaufstand angeführt. Auch wenn man die Kubaturen der vor den meist verfallenen Mundlöchern liegenden Halden betrachtet, können die Gruben nicht besonders tiefreichend gewesen sein.

Die Grubenbaue konzentrieren sich auf das Gebiet um das "Knappental", das östlich des Ostportales des Kerschbuchhoftunnels der Mittenwaldbahn bergauf zieht. Hier sind, bis über den Stangensteig hinauf, noch acht Einbaue im Gelände auffindbar.

Ein kurzer, noch offener Stollen liegt westlich des ehemaligen Steinbruchareals. In der Felswand findet man in einem undeutlichen, schon früh verlassenen Tagbau noch recht schöne Zinkblende (Zinksulfid). Aus diesem heute wichtigen Zinkerz konnte damals mangels technologischer Kenntnisse das für die Messingherstellung benötigte Zink nicht ausgebracht werden. Dieses Mineral diente

aber bei der Erzsuche als wichtiger Hinweis auf die Nähe des gesuchten meist silberhaltigen Bleiglanzes; somit wurde dieses Zinkerz als Abfall auf die Halde geworfen.

Etwas östlich davon soll einst der Hauptstollen - vermutlich hieß die Grube "Gottesgabe", also ein recht zutreffender Name - bestanden haben. Sie wurde durch den Bahnbau unkenntlich. Wie mir vor vielen Jahren ein Westhöttinger mitteilte, soll dieser Stollen vor dem Bahnbau noch offen gewesen sein und in seinem Inneren (relativ) große Abbaue bestanden haben. Östlich des Tunnels stößt man auf einen Einbau, der vor ca. 25 Jahren noch 20 m weit zugänglich und dann verbrochen war. Er hat auch den auffallenden typisch roten Alpinen Buntsandstein der Inntaldecke angefahren. Über die abgebauten Erzminerale wissen wir sehr wenig, da bisher nur Zinkblende gefunden werden konnte. In Äquivalenz zu den weiter östlich betriebenen Grubenbauen wurde vermutlich auf silberhaltigen Bleiglanz gebaut. Auch das Auftreten von Fahlerzen (Kupfer/Silber) ist nicht auszuschließen. Die Erze wie auch deren Begleiter Pyrit (Schwefelkies/Eisenkies) müssen sehr schwefelreich gewesen sein, da am Ausgang des Knappentales eine Zeit lang sogar eine Vitriolhütte betrieben wurde.

Und wie schaut es letztendlich mit der hohen Geologie und der Lagerstätte selbst aus? Der Grossteil der Innsbrucker Nordkette baut sich aus einem mächtigen Gesteinspaket auf, das man als Inntaldecke bezeichnet. Diese Gesteine wurden im älteren Erdmittelalter vor ca. 225-18O Millionen Jahren vorwiegend im Meer abgelagert. Heute ist durch die natürliche Gesteinsabtragung nur noch der ältere (untere) Abschnitt der über 5 km mächtigen Ablagerungsgesteine erhalten. Im Raum des Knappentales wird der Gebirgsfuß etwa 300 Höhenmeter weit hinauf von Gesteinen der "Thaurer Schuppe" aufgebaut, die von der Bildung der Alpen her eine eigene Teileinheit bilden. Die Grenze bildet eine weithin verfolgbare Fläche, eine "Deckengrenze" mit etwas unruhigem Verlauf, die vom Eingang der Kranebitter Klamm gegen Osten ansteigend - auch als "Almenlinie" bezeichnet - über Umbrüggler Alm - Vintlalm - Thaurer Alm - zum Törl und weiter verläuft. Und wo der darunter liegende Hauptdolomit an diese große Bewegungsbahn stößt, brechen in ersterem die reichsten Vererzungen ein. Wie die Erze dorthin gelangt sind? Nach umfangreicheren Untersuchungen durch P. Gstrein & G. Heißel (1989) erscheint es am sichersten, dass die lagerstättenbildenden Lösungen zumindest von Kupfer, Silber und Arsen aus den Lagerstätten vom Typus Schwaz aufgrund der Einflüsse durch die Gebirgsbildung z.T. zum "Auswandern" gezwungen wurden und auf ihrem Weg nach

oben an dieser Stelle ein für sie "gutes, neues Platzl" gefunden haben.

In der Fortsetzung dieser Vererzungen um das Knappental gegen Nordosten finden wir noch Stollen "im Perfall" sowie den Rauschbrunnenstollen. Wann der erste Bergmann sein Eisen im Knappental an den Fels gesetzt hat, ist nicht bekannt. Die erste sichere Mitteilung kennt man aus dem Jahr 1492, die Abbautätigkeit hat

aber sicherlich früher begonnen. Um 1553 sollen 30 Gruben belegt gewesen sein. Die letzte bisher bekannte schriftliche Unterlage stammt von 1767; die Abbautätigkeit dürfte schon bald danach ihr Ende gefunden haben ...

Literaturhinweise:

Gstrein, P. und Heissel, G. (1989): Zur Geschichte und Geologie des Bergbaues am Südabhang der Innsbrucker Nordkette. Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum, Bd. 69, Jg. 1989, p. 7-58, Innsbruck

Mutschlechner G. (1975): Der Bergbau an der Nordkette zwischen Kranebitten und Mühlau. Veröffentl. d. Innsbrucker Stadtarchivs. Neue Folge Band 5, Innsbruck