Die feinen Unterschiede

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer interessanten Facette des Kulturbegriffes

Der Kulturbegriff umfasst die Bereiche, die vom Menschen selbst gestaltend geschaffen wurden. Den Zugang zu Kultur im Aspekt der Klassenzugehörigkeit beschreibt der Soziologe Pierre Bourdieu. 1979 zeigte er einer Personengruppe, in der alle sozialen Schichten vertreten waren, ein Bild, worauf die Hände einer alten Frau zu sehen waren. Die Arbeiter beschrieben die Hände als seltsam gebogen. Die Frau leide vielleicht an Rheuma und musste hart arbeiten. Die meisten Angestellten waren der Ansicht, dass die abgebildete Person zu viel gearbeitet hätte. Vor allem harte Handarbeit müsste sie verrichtet haben. Die Angestellten merkten außerdem an, dass es ungewöhnlich sei, solche Hände zu sehen. Führende Angestellte glaubten die Hände wieder zu erkennen. Ihrer Meinung nach ähnelten die Hände denen aus den Bildern Van Goghs. Intellektuelle bewunderten das schöne Bild und erkannten darin ein Symbol der Arbeit. Dennoch bedauerten sie den Umstand, dass Arbeit und Not den Körper dermaßen deformieren können. Auch die unterschiedlichen Musikpräferenzen je nach Klassenzugehörigkeit analysierte Pierre Bourdieu. Dabei stellte sich heraus, dass beispielsweise „Das wohltemperierte Klavier“ von Bach bei HochschullehrerInnen auf große Beliebtheit trifft, während es bei Arbeitern eher auf Ablehnung stößt. Diese Konstellation wurde als legitimer Geschmack bezeichnet, weil die Form des Musikstückes vor die Funktion tritt. „An der schönen blauen Donau“ von Strauß wurde hingegen eher von Arbeitern bevorzugt. Hierbei verhält es sich umgekehrt und die Funktion des Musikstückes tritt in den Vordergrund. Dies wurde als populärer Geschmack benannt. Somit stellte Pierre Bordieu in seinem Hauptwerk „La distinction“ (dt. Die feinen Unterschiede) dar, wie der unterschiedliche Zugang zu Kultur im Alltagsleben des Einzelnen Ausdruck der spezifischen Klassenzugehörigkeit ist.