Die Kranebitter Innauen und ihre Bedeutung für die Vogelwelt

Tirol hat wohl einen Großteil seiner über die Grenzen hinausreichenden Berühmtheit der Schönheit seines Landes zu verdanken. Wohl die meisten der Besucher und auch Bewohner Tirols verbinden diesen Namen mit Natur und Naturerlebnis. Umso mehr ist man erstaunt über die Tatsache, dass das Inntal zu den dichtbesiedeltsten Gebieten Gesamteuropas zählt. Abgesehen von den Siedlungen, die zum größten Teil im Inntal liegen, verlaufen hier auch sämtliche wichtigen Verkehrsverbindungen wie Autobahn, Schiene und Bundesstraße. Als einziger großräumiger zusammenhängender ebener Bereich ist das Inntal auch für die Landwirtschaft von beträchtlichem Interesse.

Der Inn ist in seiner ganzen Länge reguliert und über weite Strecken sogar kanalisiert, die urwüchsige Flusslandschaft hat von der entsprechenden Dynamik von Überschwemmungsrhythmen und Sukzessionsabläufen nichts mehr behalten. Stille Buchten, Schlickstreifen, Kies- und Schotterbänke sind nur noch in geringer Zahl und Ausdehnung vorhanden. Dies hat zu einer drastischen Reduzierung des Rast- und Brutplatzangebotes geführt. Dementsprechend sind auch die vielfältigen Vogelgesellschaften dieses Lebensraumes verloren gegangen.

Die Kranebitter Innauen stellen einen dieser seltenen, stark strukturierten Bereiche dar. Während der Niedrigwasserführung im zeitigen Frühjahr gewähren die Kies- und Sandbänke nicht nur Rastgelegenheit, sondern bieten auch die Möglichkeit zur Nahrungssuche. Speziell für Zugvögel wie den Flussuferläufer oder den Flussregenpfeifer, welche als seltene Gäste die Schlickflächen oder den Spülsaum nach Futter absuchen, sind solche Labestellen auf dem Weg in den Norden von großer Bedeutung. Aber auch häufigere Arten wie die Bachstelze oder ihre Verwandte, die Gebirgsstelze, nutzen den Spülsaum und das Flussufer zur Jagd nach Wasserinsekten. Weit seltener, jedoch während der Zugzeit von März bis Mai durchaus möglich, kann die Schafstelze am Ufer bei der Futtersuche angetroffen werden. Sie ist von der auf der Unterseite leuchtend gelben und oberseits grau gefärbten Gebirgsstelze durch den dunklen Kopf zu unterscheiden. Die Wasseramsel - ähnlich groß und gefärbt wie ihre Namensgenossin, jedoch mit auffälliger weißer Brust - ist an den Ufern der Innauen regelmäßig anzutreffen. Ganz im Gegensatz zum oberseits schillernd blaugefärbten Eisvogel, der vor allem im Winter und zeitigen Frühjahr als Durchzugsgast die ausladenden Äste der Pappeln und Weiden als Aussichtswarte nutzt.

Das dichte Blätterdach des Grauerlen-Schwarzpappel-Waldes der Kranebitter Innauen mit seinem dichten Unterwuchs bietet einen guten Schutz und auch ideale Möglichkeiten zur Nahrungssuche. Dies ist vor allem während der Brutzeit wichtig. Als Bewohner und Nutznießer dieses stark strukturierten Bereiches sind Arten wie die Mönchsgrasmücke, die Gartengrasmücke, der Fitis, der Zilpzalp, die Blau- und die Kohlmeise, der Kleiber und viele andere mehr zu nennen.

Auf Grund ihres naturnahen Charakters stellen die Kranebitter Innauen auch für die Bewohner der umliegenden Gemeinden und der Stadt Innsbruck einen beliebten Erholungsraum dar. Speziell an schönen Wochenenden sind sie bevorzugtes Ausflugsziel für sonnenhungrige, sport- und auch naturbegeisterte Erholungssuchende. Gerade im Frühjahr, wenn sich das Freizeitangebot auf die Tallagen konzentriert, herrscht ein enormer Besucherdruck auf dieses so kleinräumige Gebiet. Störungen für Rast suchende oder brütende Vögel sind unumgänglich. Zugvögel, welche sich hier nur kurzfristig niederlassen, um die auf der energieraubenden, beschwerlichen Reise abgebauten Reserven wieder aufzubessern, oder Brutvögel, welche ihre hungrigen Jungen rund um die Uhr mit Nahrung versorgen müssen, haben dann kaum Gelegenheit, entsprechende Mengen von Futter aufzunehmen. Da die Vögel jedoch auf Grund des Mangels an anderen, ähnlich strukturierten Lebensräumen nicht ausweichen können, stellen diese Störungen ein enormes energetisches Problem für sie dar.

So verständlich der Wunsch der Bevölkerung ist, in den Kranebitter Innauen Erholung und eine entsprechende Freizeitgestaltung zu finden, so ist es aus ökologischer Sicht und der Sicht des Natur- und Artenschutzes erforderlich, die verordnete Sperre in diesem für die Vogelwelt so entscheidenden Zeitraum bis zum 15. Mai einzuhalten. Schließlich sind die Kranebitter Innauen in einem weiten Abschnitt des Inntales das einzige Refugium für aubewohnende Pflanzen- und Tierarten.