Einer der Ersten

Gerhard Spinka 1961 beim Zeitfahren auf der Hungerburg

Gerhard und Maria Spinka

"Gerhard Spinka in Bombenform" titelten die Sportseiten Anfang Mai des Jahres 1961, als der 23-jährige Wiener Radrennfahrer und gelernte Werkzeugmacher, dessen Vorbild Fausto Coppi im Jahr zuvor einem Herzinfarkt erlegen war, das „Omnium" der Zeitung „Jugend-voran" souverän beherrschte. Auch Siege beim Sandbahnrennen in Amstetten, beim Kriterium in Eisenstadt und bei der Österreichischen Staatsmeisterschaft sowie zahlreiche weitere Spitzenplätze bestätigten diese Schlagzeile. Wie war es dazu gekommen? Die Form eines Sportlers ist vor allem eine Willenssache. Ein Jahr zuvor, Anfang Mai 1960, hatte der in Schleswig-Holstein geborene Gerhard Spinka – sein Vater war nach dem Anschluss dorthin einberufen worden – an der Friedensfahrt Prag-Warschau-Berlin teilgenommen. Noch nie hatte der junge Österreicher eine solche Begeisterung erlebt. Hunderttausende von Zuschauern und die gesamte politische Prominenz des damaligen Osteuropa ehrten die Teilnehmer dieser Veranstaltung. Fast genierte sich Gerhard ob seines Formrückstands. Bedingt durch eine Verletzung hatte er „nur" 1700 Trainingskilometer in den Beinen gehabt. Dennoch ziert ein Ehrendiplom des Organisationskomitees sein Erinnerungsalbum. In der Folge trainierte er wie ein Besessener. Niederlagen erlebt jeder Sportler. Nicht immer verschuldet er sie selbst. Bei den Olympischen Sommerspielen 1960 in Rom sollte er zur sportlichen Ehre Österreichs beitragen. Einen Tag vor der Angelobung der Teilnehmer durch Bundespräsident Schärf wurde Gerhard ohne Angabe von Gründen aus dem Olympiateam genommen. Doch 1961 sollte sein Jahr werden. Schon freute er sich erneut auf die Friedensfahrt, da meldete ihn der Radsportverband nicht für Prag-Warschau-Berlin, sondern für die Österreich-Radrundfahrt. Schon in der dritten Etappe gab Spinka allen anderen das Nachsehen und wurde in Bregenz Etappensieger. „Held des Tages" nannte ihn Österreichs große Tageszeitung „Express". Das nächste Etappenziel war Innsbruck. Der Sieger der damaligen „Tour d’Autriche" hätte ohne weiteres Gerhard Spinka heißen können; doch wie gesagt, Niederlagen erlebt jeder Sportler. Manchmal verschuldet er sie selbst. Wer im Sport vorne mitmischen will, sollte nicht kurz vor dem Start eines Rennens eine Obstschnitte mit Erdbeeren und Marillen vertilgen, die nach dem Gewinn der Durchfahrtsprämie in Lustenau am Eingang zum Klostertal auf den Bahngleisen landete, als sich Gerhard dort übergeben musste. Nur enormes Glück verhinderte in der Folge den Ausschluss aus der Tour wegen Zeitüberschreitung. Doch die halbe Stunde war trotz des Siegs bei der Schlussetappe nicht mehr aufzuholen. Unser Bundesland schien auf den entschlossenen Radler Eindruck gemacht zu haben, denn nun wurde Gerhard Spinka zum Tiroler. Auch nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn blieb er hier, arbeitete als Filmvorführer im Laurin-Kino und in der Waschmaschinenfirma seiner Schwester. Dem Sport blieb er treu und gründete den „Union Eisschnell-lauf Club Innsbruck". Irgendwann in dieser Zeit spazierte er mit seiner Frau Maria durch die Wiesen hinter der Lohbachsiedlung, wo die beiden in der einzigen damals in dieser Gegend existierenden Straße, der Negrelli-Straße, ihre Freunde besuchten. Hier wäre es schön zu leben, dachten sich die Spinkas. Auf den weiten, teilweise sumpfigen Feldern wohnte bis dahin nur der Bauer Otto mit seiner Familie und seinen Tieren. Doch nun wurde die Technische Fakultät errichtet. Der Tag ihrer Eröffnung im Jahr 1969 war Gerhard Spinkas erster Arbeitstag an dieser Bildungsstätte, an der er bis zu seiner Pensionierung 2001 blieb. Im zweiten Stock des damals ebenfalls errichteten Wohnhauses, in dessen Parterre anfangs noch die Baufirma ihr Büro betrieb - richteten sich die Spinkas ihre Wohnung ein, in der sie heute noch leben. Damals hieß das gesamte Areal noch "Kranebitter Allee 140". Heute ist es unser Stadtteil Hötting-West, und einer der besten Sportler Österreichs hat an seiner Gründung mitgewirkt.