Kinder, Kinder - die trauen sich was!

Sie sind frech, sie sind egoistisch, sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Sie sind verstritten und launenhaft, sie jammern und beklagen sich, sie sind undankbar. Sie nehmen ohne zu geben, sie bitten nicht, sie fordern. Sie sind laut und unüberhörbar.

Sie sind klein, aber sie sind mächtig. Sie nehmen sich ihren Platz.

Und wenn sie genug vom Streiten haben, dann möchten sie sich wieder versöhnen.

Und wenn sie Zärtlichkeit brauchen, dann holen sie sich ihre Streicheleinheiten. Und wenn sie schwach sind, dann lassen sie sich stärken. Und wenn sie hilflos sind, dann erwarten sie sich Unterstützung. Und wenn sie Fragen haben, dann wollen sie Antworten. Kinder trauen sich was.

Kinder sind kleiner, sie sind der Erde näher. Sie sehen die Welt nicht abgehoben, von weiter unten eben. Sie bewerten die Menschen nach ihrem Maß. Kinder sind auch sich selber näher. Vieles im Leben sieht, mit den Augen eines Kindes betrachtet, anders aus.

Der entwicklungspsychologisch definierte "Egozentrismus" des Kindes wandelt sich im Erwachsenenalter zum sozial verschmähten "Egoismus", das magische Modell, mit dem sich Kinder die Welt erklären, wirkt bei den Größeren höchst suspekt und wird als Realitätsverlust in die Nähe klinischer Störungen gerückt. Die Erfüllung eigener Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen, gilt als unsozial; die Dinge beim Namen zu nennen, löst oft Verwirrung und Brüskierung aus.

Möglicherweise denken und handeln wir Erwachsenen zu strategisch, um unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Wir wägen ab, überlegen, welche Bedeutung unsere Handlungen haben könnten für diesen oder für jenen, wir wollen nicht verletzen, nicht zurückweisen, nicht frustrieren. Halten wir uns selbst nicht aus, wenn wir  zwischendurch einmal das "böse", das "verwehrende" Gesicht aufsetzen? Laden wir Schuld auf uns, wenn wir etwas möchten, etwas wünschen, etwas wollen? Sind wir eigensüchtig und selbstherrlich, wenn wir auch einmal an uns denken? Sind wir wirklich rücksichtslos und solche, die über Leichen gehen, wenn uns das Eigene wichtig ist und es dann auch sein kann, dass wir dem anderen etwas nehmen?

Oder sind wir ganz einfach immer auch noch Kinder? Unseren Kindern gewöhnen wir es ab, sich selbst als Zentrum der Welt zu betrachten, möglicherweise weil wir genau diese Tendenz in uns abwehren: der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit sein zu dürfen.

Manchmal könnten wir neidisch sein auf unsere Kinder. Die trauen sich noch was.

Natürlich: Erwachsene können ihr Handeln besser steuern, können das Realitätsprinzip vor das ausschließliche Lustprinzip setzen und stolz sein auf erworbene soziale Fähigkeiten. Da haben Kinder es ungleich schwerer, und ihre Forderung nach Sicherheit und Stärke entspringt dieser eigenen Unfähigkeit sich zu schützen.

Dass wir Erwachsenen aber dazu neigen, den Verstand vor das Gefühl, das Wissen vor das Spüren, die Kontrolle vor die Impulsivität, die Vernunft vor die Fantasie zu setzen, das lässt uns mitunter auch innerlich erstarren und unlebendig werden. Zuweilen dem Kind in uns mit all seiner vitalen Ungehemmtheit Geltung zu verschaffen, das erscheint erstrebenswert, aber gar nicht so einfach, wie es klingt. Gut, dass wir Vorbilder haben, denn hier könnten wir Größeren von den Kleineren viel lernen  -  nur trauen müssten wir uns!