Kurzzeitgedächtnis

Noch immer ist mir eine große Zahl von lateinischen Hexameter- Versen in Erinnerung, die ich im Alter von 17 Jahren als Strafarbeit lernen musste. Mein Kurzzeit- Gedächtnis jedoch liegt im Argen. Das Lebensmittelgeschäft in meinem Häuserblock kann mehrmals täglich mit meinem Besuch rechnen, weil ich immer etwas vergesse. Diesmal sind es Wacholderbeeren für mein Sauerkraut. Gestern und letzte Woche hatte eine Leerstelle im Gewürzregal den Ort markiert, an dem diese Beeren liegen sollten, heute habe ich sie vergessen. Vorbei am Kaffee – nein, mein Espresso droht auszugehen, also nehme ich zwei Halbkilo-Packungen mit, um zu sparen (ab 2 Packungen € xy pro Packung) – erspäht mein Blick den weißen aceto balsamico. Ich nehme gleich zwei Flaschen (ab 2 Packungen ...), will ich doch sparen und brauche ihn ohnehin jeden Tag. Es folgen 2 Packungen Goldaugensuppe, 2 Dreierpackungen polpa di pomodoro, 2 Viererpackungen Actimel und zwei Tragerln Budweiser. Nun habe ich ordentlich gespart und kann nichts mehr aufladen, habe ich doch extra keinen Wagen genommen, weil ich bloß Wacholderbeeren kaufen wollte. Die hab ich vergessen! Zurück durchs ganze Geschäft zum Gewürzstand. Dort gähnt immer noch die Leere an der Stelle für das „W“ wie Wacholderbeeren. Zum Teufel damit bzw. zur Kassa mit dem Ballast. Den Frosch nehm ich noch mit, mein grünes Mittel fürs Geschirr. „Dauertiefstpreis“ steht da und bewahrt mich davor, zwei Flaschen kaufen zu müssen. Leider ist wie schon vorige Woche das Regal über dem einladenden Preisschild leer. Dafür nehme ich eine Packung „Drahtwascheln“ mit. Die kann man immer gut brauchen, für den verkrusteten Dreck und so. Sechs Stück sind in einer Packung, von denen ich leider 2 nehmen muss (siehe oben). Daheim haut sich mein Kurzeitgedächtnis den Schädel an den Küchenmöbeln an. Ich fluche leise, denn als ich meine aceti balsamici verstaue, stehen da schon zwei im Regal, gestern gekauft. Die Kaffepackungen haben auch nicht mehr Platz, weil zwei kürzlich erstandene schon drin sind. Auf dem Esstisch entdecke ich schließlich 2 Packungen Drahtwascheln, vor zwanzig Minuten nach dem vorigen Einkauf ausgepackt. Als ich sie zusammen mit den zuletzt gekauften im Fach über dem Herd unterbringen will – dort sind sie mir nicht im Weg – fällt etwas herunter und hinterlässt einen braunen Staub auf der Ceran- Kochfeldplatte. Es ist der Rost von weiteren 12 „Drahtwascheln“, die das eine oder andere Jahr da oben überdauert und sich nun den Weg ins Licht gebahnt haben, gealtert und unbrauchbar. Mit meinem Kurzzeitgedächtnis sollte ich nicht einkaufen gehen; und wenn, höchstens Fair-Trade-Artikel, denn von denen weiß mein Langzeitgedächtnis, dass es sie in diesem Geschäft immer gegeben hat. Das freut mich.