Nutztiere

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier. Als „das Tier“ bezeichnet er die Menge aller Amöben, Tiger, Regenwürmer, Seeadler, Kaurischnecken, Krokodile und so weiter und vergisst dabei, dass ihn mit einem Schwein mehr verbindet als eine Libelle mit einem Vogel. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er weiß es, denn er ist überzeugt davon. Er weiß ebenso mit seinem Verstand, dass „das Tier“ keinen solchen besitzt und nicht denkt, weiß jedoch gleichzeitig nicht, woher er dieses Wissen bezieht. Es dürfte eine Eigenheit des Lebens sein, die eigene Art und möglichst auch die eigene Individualität – mitunter unbewusst – über alles andere zu stellen. Professor Ferdinand Cap, Physiker und Bewohner unseres Stadtteils, beschreibt in seinem interessanten Buch „Wie man 130 Jahre alt wird“ das Leben unter dem Blickwinkel der Entropie, jenes wissenschaftlich definierten Maßes für die Unordnung, der alle auf sich selbst gestellten Systeme zustreben. Das Gesetz des Wachsens der globalen Entropie, also der Unordnung, das die Wissenschaft nur aus der Erfahrung ableitet, kennt jeder junge Mensch, der sein Zimmer nicht aufräumt. Das Leben räumt auf. Nie würde einem „acqua minerale con gas“ einfallen, zu Zucker mit Nährwert zu werden. Einer Pflanze mit ihrem Chlorophyll gelingt im Verein mit dem Licht als Energiespender genau das. Und schließlich der Mensch: meiner Ansicht nach ein Tier, das sich selbst über die anderen stellt. Er teilt überdies die Tiere in Nutztiere und andere ein. Als Nutztiere bezeichnet er jene Sklaven, die nur dem Menschen nützen, denn sie liefern ihm frei Haus Milch, Eier, Wolle, Leder und vor allem Fleisch; auch mir, denn ich esse für mein Leben gern Hendl. Eine Ausnahme der Tierhal-tung lebt in Kranebitten: Wer braucht ein Lama? In Kranebitten nämlich. Nicht nur eines, eine ganze Fami-lie steht da. Die Eltern bli-cken mich, als ich vorbeijog-ge, stolz an: „Sieh nur unser Kind, wie es schon groß ist!“ Im Hinter-grund spielen Kälber, sowie kleine und große Pferde „Fangelex“, zwei Esel und einige Schafe sehen ihnen dabei zu. Alle scheinen sich zu freuen. Wo ist der Nut-zen? „Das dient nur der Umsatz-steigerung“, weisen mich einige, die ich in der Umge-bung frage, in meiner Gut-gläubigkeit zurecht. Ich sei naiv, sagen sie im Verein mit jenen, die mich belä-cheln, weil ich die Tiere ne-ben und nicht unter dem Menschen ansiedle. Nie-mand von denen traut ei-nem Gastwirtschaftsunter-nehmer zu, dass er etwas zur Freude und nicht zur reinen Gewinnmaximierung unternimmt. Ich schon. Ich bewundere Josef Nocker, den Inhaber des Kranebitterhofs, mit seinen tierischen Freunden. Sie vermindern lokal die Entropie, also die Unordnung unseres Zusammenlebens.