Seitenwind

Bewegung ist das Wesen des Windes. Über eine Universität, den Hof eines Kleinbauern, über sumpfige Wiesen, Pappeln in Reih und Glied, über Hunde, die auf ihren Gehorsam trainiert werden und Pferde, die über die Wiesen tollen, bläst er und macht sie alle zusammen nicht zu einem Gemeinwesen, nur weil die Stadt ein paar Häuser nach außen speit, an den Rand. Menschen, die den Häusern folgend keine Zelte mehr aufschlagen müssen, bilden keinen Stadtteil, wenn sie einander nicht finden. Um einander zu finden, braucht es Antreiber unter ihnen, Lokomotiven sozusagen, Ziehende genauso wie Gezogene: Leute, die in zweiter und dritter Reihe ordnen und organisieren, die sich in kein Schneckenhaus verziehen, sondern aufeinander zugehen. Sie nehmen die bereits existierenden Zentren in ihre Mitte und bauen neue dazu. Zur Universität und den Pfarren gesellen sich Schulen und ein Kolpinghaus, die Infrastruktur wird gesät – ein Stadtteil? Schon möglich, aber wie alles, das erst beginnt, nur lückenhaft. Ein neues, junges Haus zieht neue, junge Menschen an, die im Lauf der Zeit miteinander altern. Sind welche schon vorher alt, werden sie zum Hemmschuh für den Freiheitsdrang der Kinder, und diese zum Störfaktor für Etablierte. Ein Mix verlangt nach Gewöhnung, nach Toleranz und schließlich nach Akzeptanz auf allen Seiten. Junge Eltern haben kleine Kinder. Haben wir die Jugend, zu Beginn noch schütter vertreten, vergessen? Offensichtlich, sonst hätten wir sie nicht in ein Wohnhaus gezwängt, den Ort dann Jugendzentrum genannt und ihn dem programmierten Konflikt überlassen. Doch moderne Architektur, oft kritisiert, baut eine Post zwischen Schule und Straße und findet dann noch Raum zwischen Schule und Post. Die Jugend wird zum Zentrum. Für sie wurde ebenso Raum geschaffen wie für nicht reiche Wohnungssuchende, Raum wurde den kleinen und großen Kindern und dem Sport zugeteilt, wie auch der frühen und späteren Bildung: in Kindergärten, Volksschulen, der Hauptschule, einer höheren Schule und an der Universität. Der Kultur wurde Raum gegeben: an der Blue-Pink- Schule und im Kolpinghaus, in der Bücherei Allerheiligen und in den Pfarreien, und wahrscheinlich lodert die Kultur bereits auch anderswo verborgen unter den Dächern unserer Stadtteile Hötting West und Kranebitten. Raum und Zeit, eine ganze Insel, wurde älteren Menschen, die ihr Leben nicht mehr allein bewältigen können, gegeben, wie auch Kindern, die unsere Sprache noch nicht perfekt beherrschen. Tieren, die sich hier ansiedeln wollen, wurde Raum gegeben oder gelassen, am Weiher in der Peerhofsiedlung, am und im Lohbach oder im nahen Wald, der auch Menschen zur Erholung dient. Soll doch Raum und Zeit gedeihen in unserer persönlichen Begegnung mit Menschen, die irgendeine Behinderung tragen. Die Zeit geht voran, wir versuchen Schritt zu halten. Viele der genannten Errungenschaften wurden politisch verwirklicht, nachdem sie von Menschen eingefordert worden waren. Andere wiederum – ich brauche nur an den Lohbach zu denken – wären ohne private und persönliche Akribie nicht möglich geworden. Für die Verwirklichung all dieser Vorhaben war und ist der WESTWIND eine Plattform und wird es weiterhin sein. Bewegung ist das Wesen des Windes. Wir sind vor 15 Jahren nicht angetreten, um statisch und ausschließlich Termine zu veröffentlichen. Wir sind eine Sammelstelle für Kritik, aber auch für Lob, das, wenn es berechtigt ist, im weiteren Sinn die schönste Form der Kritik darstellt. Ich denke, wir sind im Zuge der Kritik in den vergangenen 15 Jahren zumindest nicht absichtlich oder bewusst unter die Gürtellinie geraten. So werden wir es auch weiterhin halten. Es wird auch in Zukunft weiterhin Lob, aber auch Kritik im engeren Sinn geben. So wird in einer der zukünftigen WESTWIND-Ausgaben vielleicht wieder der Verkehr zur Sprache kommen. Die 20 Jahre alten Super 8-Filme in meinem Keller über die Verlegung der in der Sonne kupfern glänzenden Oberleitungen für IVB-Busse könnten aus heutiger Sicht einer Satire ebenso Raum geben wie die Geschichte des langen Weges der Dreier in die Peerhofsiedlung und die ironische Bemerkung eines inzwischen pensionierten Busfahrers dazu, man würde zurzeit nur den alten Diesel verfahren, damit er nicht verschimmelt. LKWs brummen ab 6 Uhr früh durch die Straßen, auch wenn ihr Ziel nicht unser Stadtteil ist. Kleinkinder werden von PKWs in so genannten „verkehrsberuhigten Zonen“ beinahe umgefahren, Schüler, Studenten und Professoren – natürlich sind alle Genannten Menschen beiderlei Geschlechts – müssen sich auf ihrem Fußweg zu den Arbeits- und Ausbildungsstätten oder zur Mittagsjause mit Kraftfahrzeugen auseinandersetzen, deren Lenker sich in der Gewohnheit der Gedanken noch auf der Autobahn bewegen. Das Argument „Die sollen doch über den Zebrastreifen gehen“ zieht nicht, nicht nur der 4,2 Sekunden kurzen und teils durch verspätete Linksabbieger gestörten Grünphase für Fußgänger wegen, sondern weil wir uns die Frage stellen müssen: Sind wir ein Stadtteil für Menschen oder für Autos? Wir lassen nicht gern durch uns durchfahren, uns nicht gern umfahren, schon eher umfahren, jedenfalls nicht überfahren. Obwohl wir feiern, habe ich Kritik angebracht. Aber erstens feiern einige Leute mit, die etwas bewirken können, andererseits sehe ich innerhalb des WESTWIND die Kritik als eine meiner Aufgaben an. Wie bei der Entstehung eines Stadtteils braucht es nämlich auch für eine Stadtteilzeitung Leute, die auf verschiedenen Ebenen ordnen, organisieren und arbeiten. Die Zeit geht voran, wir versuchen Schritt zu halten. Vor 15 Jahren hätte es vielleicht noch ein einzelner Mensch geschafft, aus einem kleinen Zimmer heraus eine Zeitung entstehen zu lassen, wenn er Peter Eichhorn hieß. Aber auch er hat schon damals ein Team um sich geschart. Heute geht ohne Team nichts mehr. Es braucht jene, die recherchieren und jene, die schreiben; jene, die Termine zusammentragen und jene, die koordinieren; jene, die Inserate heranziehen und jenen Manuel, der den WESTWIND mit seinem Layout – jetzt in Farbe – in seine Form gießt. Es braucht jenen, der die Subventionen herbeiholt: meinen Vorgänger als Vorstandsvorsitzender des WESTWIND, Herrn Kommerzialrat Bernward Pichl; keiner von uns kann das besser. Außerhalb des WESTWIND braucht es die Subventionsgeber, sowie jene, die inserieren und dafür bezahlen und alle weiteren, die dem WESTWIND eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Ihnen sei gedankt, denn sie finanzieren den WESTWIND, nämlich den Druck und die Verteilung. Sie finanzieren nicht die Arbeit des Teams, denn diese ist unbezahlbar. Bis vor acht Jahren bekam das WESTWIND-Team für seine Arbeit keinen Groschen. Seit 2002 bekommt es keinen Cent. Als Belohnung erhält die Runde im Rahmen der Schlusslesung, die mitunter sehr heiter verläuft, weil sich nicht alle, die Artikel oder Stellungnahmen an die Redaktion des WESTWIND senden, einer druckreifen Sprache bedienen, eine Flasche ausgezeichneten italienischen Rotweins – oder zwei – die es sich selbst spendet. Müsste die Arbeit des Teams bezahlt werden, gäbe es den WESTWIND nicht. Ich möchte daher den Dank an das WESTWIND-Team an das Ende meiner Ausführungen stellen, damit er hilft, dasselbe in Bewegung zu halten, denn Bewegung ist das Wesen des Windes, auch des WESTWIND.