Tiroler Menschen (Folge 3 von 4)

Nach Süd- und Osttirol kommt in dieser Ausgabe Nordtirol zur Sprache. Wir leben ja hier in der Hauptstadt, aber es gibt andere, unterschiedliche Landstriche. Einige Jahre in die Vergangenheit, einige Kilometer nach Südwesten – schon kommt uns vieles so unvertraut vor, dass wir ins Nachsinnen geraten über Begriffe wie „Heimat“ und „Fremde“. Elisabeth ist eine Frau in den besten Jahren, die schon lange in Innsbruck und seit einem Jahr in Hötting-West wohnt. Aufgewachsen ist sie in Vent im Ötztal. Aber wir müssen noch ein Stück weiter zurückgehen, zu dem Tag, an dem die Gemeindesekretärin von Neustift ebendort über den Hauptplatz ging. Gleichzeitig stieg ein junger Zöllner aus dem Postbus, der zur Fortbildung unterwegs war. Er sah die hübsche Frau und hatte nur einen Gedanken: „De heirat‘ i!“ Neun Monate später war Hochzeit. Der Beruf des Mannes führte das Ehepaar nach Vent. Die Grenze musste kontrolliert werden, da der Schmuggel blühte, aber der Zöllner war wohl mehr Mensch als Bürokrat und drückte öfters ein Auge zu. Das erste Kind, Elisabeth, wurde geboren, später folgten die Söhne. Die Kindheit in Vent war vor allem von Freiheit, aber auch von Selbstverantwortung geprägt. Bei den 92 EinwohnerInnen waren die Kinder überall willkommen, durften überall spielen. Aber es war selbstverständlich, dass nichts kaputt gemacht und alles wieder aufgeräumt wurde. Schifahren lernte man früh, die Gefahren des Wildbachs einzuschätzen ebenfalls. Die Schlafräume waren ungeheizt, Eisblumen blühten an den Fenstern. Trotzdem war nie jemand krank. Für die Erwachsenen, vor allem für die Frauen, war das Leben hart. Jeden Winter gab es Zeiten, in denen die Ortschaft nur mit dem Hubschrauber zu erreichen und zu versorgen war. Der Zusammenhalt im Dorf und die Verlässlichkeit der Menschen war groß. Ein Arzt war schwer erreichbar, im Notfall wurden Zähne mit der Rohrzange gerissen. Die Männer arbeiteten in der Landwirtschaft und im Fremdenverkehr. Elisabeth kann sich noch erinnern, dass ihre Eltern sogar das Ehezimmer vermieteten. Inzwischen schlief die Mutter am Diwan, der Vater am Boden, in der folgenden Nacht wurde getauscht. Der Vater verdiente sich etwas dazu, indem er Material auf Berghütten trug, zwei bis drei Stunden Fußweg im Schnee. Pro Kilogramm erhielt er 10 Groschen. Eine teure Anschaffung leistete er sich dann: Schischuhe um 3500 Schilling. Ich frage Elisabeth nach besonders einprägsamen Erlebnissen aus der Kindheit: „Der Zug der Schafe von Südtirol im Frühling und wieder zurück im Herbst, das hat mich jedes Mal tief beeindruckt“, erzählt sie. „Aber auch tragische Ereignisse bekamen wir als Kinder mit. Im Winter verunglückten immer wieder Menschen bei Lawinenabgängen. Auch Familienväter, die im Herbst die gesamte Saisonlosung beim Kartenspielen verloren, gab es.“ Elisabeth besuchte gemeinsam mit fünf bis neun anderen Kindern die Volksschule in Vent. Danach war die große Freiheit der Kindheit zu Ende, denn sie kam ins Internat in Stams. Sie wollte unbedingt Arbeitslehrerin werden. Wie so oft gab es ein beeindruckendes Vorbild. Dieses Vorbild war etwas ganz Besonderes: eine Friseurin, die nebenher Handarbeitsunterricht gab. Die Mädchen saßen bei ihr im Salon und strickten Pullover, während die Lehrerin abwechselnd Haare eindrehte und beim Stricken half. Elisabeth verwirklichte ihren Traumberuf – ihre Erlebnisse als Lehrerin würden ein Buch füllen. Da würden die Unterrichtsstunden in Vals vorkommen, die im Feuerwehrgebäude mit Plumpsklo stattfanden, ebenso die Hauptschule Olympisches Dorf, wo sie 35 Mädchen gleichzeitig das Socken stricken beibrachte. Die vorläufig letzte Weiche bildeten einige Stunden, die sie an der Sonderschule mit besonders schwierigen Jugendlichen hielt. „Nichts wie weg!“ war ihr erster Gedanke, „Entweder aufgeben oder durchbeißen“ der zweite. Sie mobilisierte ihre gesamten menschlichen und pädagogischen Fähigkeiten und verlor so ihr Herz an die Arbeit mit Sonderschülerinnen und –schülern. Diese Liebe hält jetzt schon 28 Jahre und wird von den behinderten Kindern und Jugendlichen erwidert. Als Ausgleich zum schönen, aber anstrengenden Beruf hört sie gern Musik und geht viel in die Natur. Ihre Fröhlichkeit, Hilfsbereitschaft, Geradlinigkeit und ihr kraftvoller Tatendrang haben feste Wurzeln in einem tiefen, christlichen Glauben. Auf die Frage, wo sie sich jetzt eigentlich zu Hause fühlt, antwortet sie gleich: „Ich habe nicht nur eine Heimat, sondern viele. Vent ist eine davon, auch Hötting-West empfinde ich stark als meine Heimat!“