Warum ist Jugend ein Problem?

Erstellt von Otto Licha | |   Print-Artikel

„Für die Probleme von heute nicht die Lösungen von gestern bereit halten“ ist die Devise von Sigmund Kripp, dem ehemaligen Innsbrucker Jugendhausleiter.

Aber warum muss Jugend "gelöst" werden? Sie ist doch zum Glück einfach da, und ihre fantasievollen Visionen, noch nicht durch zu viel Erfahrung getrübt, werden nur zum Problem, wenn man ihnen keine Kanäle offen hält, Kanäle ohne Wächter mit möglichst weitgehender Selbstregulierung bei Überschwemmungen, Häuser ohne von oben befohlene Hausordnung.

Nur Chaos? Nein, Konfrontation! Als man unseren Stadtteil immens ausweitete, hat man auf die Jugend einfach vergessen. Die jungen Familien, die größtenteils in die neuen Häuser zogen, hatten vor allem Kleinkinder, und für diese wurde gesorgt. Für die wenigen Jugendlichen hielt eine Wohnung als "Jugendzentrum" her. Der logische Konflikt mit der Nachbarschaft wurde durch den Appell des damaligen verantwortlichen Stadtrates an die Bewohner, sie mögen doch mehr Toleranz für die Jugend zeigen, nicht gelöst. Die Kleinkinder von damals sind Jugendliche geworden, cool, neugierig, unbequem, in den Augen mancher Etablierter "schwierig". Ein Jugendhaus steht für sie bereit. Manche Bewohner der Peerhofsiedlung können daher nicht verstehen, warum sich Jugendliche für ihre Freizeit, auch spät am Abend, wieder die Straße im Siedlungsbereich aussuchen und nicht "ihr" Zentrum. Soll man sich auf gegenseitige Anschuldigungen und Rechtfertigungen zurückziehen? Einerseits ist das Menschenrecht auf Erholung während der Nachtruhe in unserem Stadtteil schon länger nicht mehr gewährleistet. Rücksichtslosigkeit ist dabei nur einer von mehreren Gründen. Organisatorische Mängel, die Infrastruktur, den Verkehr und die Verbauung betreffend, nicht zuletzt auch als Folge einiger politisch-gesellschaftlicher Entscheidungen, stehen dem ersten Grund mancherorts nicht nach. Andererseits darf ein Jugendzentrum nicht als Aufbewahrungsstelle für junge Menschen angesehen werden, die einem da und dort im Weg sind. Ein Jugendzentrum kann nur ein Angebot sein. Die Ablehnung desselben kann vielschichtig erfolgen. Einer der Gründe ist Cliquenbildung. Wenn es einer Gruppe gelingt, sich des Hauses zu bemächtigen, sind die anderen out. Ich erinnere mich an einen Bericht über ein Jugendzentrum in Fellbach bei Stuttgart. Dort wurde in einem ähnlichen Fall ein Gespräch zwischen den Cliquen ermöglicht. Schließlich erhielt jede Gruppe ihren Freiraum, und jedes Wochenende sollte eine andere das Unterhaltungsprogramm für alle organisieren: ein friedlicher Wettstreit.
Aber wie gesagt, man soll die Probleme von heute nicht mit Lösungen von gestern angehen.

Vielleicht ist unser Angebot noch zu gering, unser Jugendhaus zu klein. Es war eben nicht von Anfang an mit eingeplant. Es rächt sich, wenn man bei den Entwicklungsmöglichkeiten für die Jugendlichen spart und sie nicht mit entscheiden lässt, da die Zukunft abgegraben wird. Ich wünsche den Jugendlichen einen Freiraum, in dem sie selber die Regeln des Zusammenlebens aufstellen und aneinander ausprobieren können, nicht zuletzt, damit wir alle besser schlafen können.