Zweifaches Betteln

Heute möchte ich zwei Themen miteinander verbinden, von denen viele behaupten werden, sie hätten nichts miteinander zu tun.

Das erste führt meine Erinnerung zurück nach Mexico in ein kleines Dorf mitten im Urwald von Chinantla. Nur mit dem Kleinflugzeug kam man damals dorthin, oder man kämpfte sich zwei Wochen lang mit dem Pferd durch teilweise unwegsames Gebiet. Einige Kinder sprachen etwas spanisch, da es einen Lehrer gab. Ansonsten war Chinanteco die Sprache dort. Die Kirche war auch da. Sie rekrutierte zum Teil ihren Nachwuchs an solchen Orten, ermöglichte Buben eine Schulbildung mit anschließendem Theologiestudium und schickte sie in die Welt: Comboni-Missionare. So kam auch Armando nach Innsbruck, aus der materiellen Armut in die gesicherte kleine Großstadt in Europa. Irgendwann verließ er den Orden, arbeitete jedoch für diesen in Mexico weiter, wo ich ihn besuchte.

Bevor wir nach Chinantla aufbrachen, brachte mich Armando in seiner kleinen Wohnung in der Hauptstadt unter und zeigte mir einiges an Leben. Einmal stiegen wir in der Nähe des Parque Alameda aus der U-Bahn, da bettelte ein treuherzig schauendes Mädchen, etwa zehn Jahre alt, die Passanten an. Ich gab ihm ein paar Pesos. Armando fauchte mich an: Was mir einfiele, einfach Geld für nichts zu geben! Geld sei nur eine Gegenleistung für Arbeit oder irgendein Produkt. Den Menschen, die an irgendwelchen Straßenecken allein oder in einer Gruppe musizierten, oder jenen, die etwas verkauften, das sie selbst produziert hatten, denen könnte man Geld für ihr Dargebotenes geben, oder einem Kind für ein paar „Chiclets“, wie sie die Kaugummis nannten, aber niemandem etwas fürs Nichtstun, meinte Armando, der die Armut als Kind selbst erfahren hatte.

Dreißig Jahre sind seither vergangen, und täglich mache ich meinen Weg zur Arbeit und zurück. Täglich sitzen Menschen sowohl in der Innenstadt als auch in Hötting-West, die uns das Elend vorführen. Sie sitzen mit ihren Baguette- oder Ruetz-Bechern in alten Fetzen am Boden, teils mit, teils ohne lieben Wuschelhund, teils ruhig, teils zitternd, schauen uns an und grüßen. Mit Resonanz schnarrt einer sein „Hallo“ oder „Tschuldigung“ hinaus. Eine Frau hat wie keine andere den weinerlichen Ton perfekt drauf: „Bittöööö“ oder „Mediziiin“. Einer stellt ein Schild auf, damit man sein Anliegen lesen kann, und platziert sich neben den Bankomat auf den Asphalt. Hin und wieder begibt sich einer in die totale Unterwerfungsstellung: Die Hände gefaltet hat er sich nach vorne geworfen und scheint den Boden zu küssen. Spätestens jetzt bekäme er von Don Camillo oder Peppone einen gewaltigen Tritt in den Hintern, weil die beiden eine derart kitschige Selbsterniedrigung als Mittel zum Zweck nicht vertrügen.

Ich muss an Armando denken, und dass es in unserer Stadt sehr wohl einige Anlaufstellen für Notleidende gibt. Die im Straßenstaub nur dasitzenden oder liegenden Mitbürger bieten außer ihrem zur Schau gestellten Elend nichts an, ganz im Gegensatz zu den Verkäufern der inhaltlich hervorragenden Zeitschrift „Zwanzger“ oder den teilweise virtuos aufspielenden Roma-Musikern, denen ich ein gutes Einkommen für ihre Arbeit wünsche. Was die anderen betrifft, die täglich an meinem Gewissen nagen, so sehe ich sie mehr und mehr ganz nüchtern als Teil unserer Gesellschaft, in der man zum Glück frei von Zwängen vieles tun darf. Dieses Betteln ist demnach ein Job, der offenbar etwas einbringt, sonst gäbe es ihn ja nicht, und auch die Fahrt zwischen Innenstadt und Hötting-West muss sich erst amortisieren.

Keineswegs komme ich jedoch mit jenen Leuten zurecht, die diese Menschen im Bewusstsein des „Besserseins“ anpöbeln. Selbst die Polizei, die Drogen- und Menschenhändlern auf der Spur ist, weiß nichts von einer internationalen Bettlerbande. Natürlich kennen diese Leute einander, vielleicht entstammen sie auch zum Teil derselben Familie, sie aber deswegen als „Mafiabande“, „Gangster“ oder „immer dieses Xindel“ zu bezeichnen (ich habe das alles selbst gehört), disqualifiziert die lautstark Urteilenden bezüglich jeglichen Takts und Umgangs mit Menschen. Dann müsste man nämlich auch andere – und damit komme ich endlich zum zweiten Thema – Gruppen von Menschen als ähnliches „Xindel“ bezeichnen, was ich aber nicht tue, auch wenn mich deren Machenschaften noch mehr stören als jene der nichtstuenden Bettler. Beide Gruppen gehören offenbar untrennbar zum kapitalistischen Gesellschaftssystem. Die einen kennen wir nun schon, die anderen sind Manager aus der Wirtschaft, und zwar unter denjenigen zu finden, die jene Werbung verantworten, mit der zwar nicht Nichts, jedoch meist Unnötiges angeboten wird.

Als Freund des Fernsehens zahle ich reichlich, um mich einem Bildschirmgenuss hingeben zu können, der frei von weiteren Verpflichtungen wäre wie etwa Werbung. Doch falsch gedacht! Da feiert ständig diese Familie des X hoch 3 Lutz ihr Fest des Räumungsverkaufs (wann wird eigentlich nicht geräumt?). Weibliche Eunuchenchöre durchbohren mein Trommelfell, während sich eine breitkrempenhütige Dame ganz in Weiß im ewig blau-weißen Sommer ihrer Süßigkeit hingibt. Den Vogel schießt die italienische Firma „Kinder“ ab, deren deutsche Sprechermädels sich nicht einig sind, mit welchem satt-deutschen Akzent sie ein spanisches Wort belegen sollen: „bueeeeeno“ oder „buäääähno“, beides klingt mindestens so bescheuert wie das „Bittöööö“ der oben erwähnten Bettlerin. „Pingui? – Nöööö“. Ein naseweiser Schulbub erzählt von „richtig vielen Tieren“, und dass er allen gezeigt hat, wo’s lang geht, während er gierig in seine „Milchschnitte“ beißt. Ein riesiges Überraschungsei kämpft mit einigen Leuten, die offenbar sonst nichts zu tun haben und im Kreis rennen, um einen freien Sitzplatz und zeigt uns schließlich, wie’s geht: man muss nur Zuckerl auswerfen. Ein Doofkopf schleicht, begleitet von grauenhafter Musik, durchs Gelände und verschlingt – outside, out mind – „mein Country“.

Man könnte die Liste lange fortführen. Zum Glück gibt es hin und wieder eine Werbung, bei der man lachen darf. So einer wird dann einmal im Jahr von einer Jury ein Preis zugesprochen. Gute Unterhaltung wäre nebenbei eine probate Vorgehensweise der Werbung. Den oben beschriebenen Rest könnte man sich sparen. Oder kann mir wirklich jemand erklären, warum ohne diesen Mist die Wirtschaft nicht funktioniert? Sollte irgendjemand einmal auf die Idee kommen, das Betteln zu verbieten, fordere ich sofort das Ende dieser Idiotenwerbung ein, die auch nur nervige Bettelei darstellt. In beiden Fällen des Bettelns kann man sein Geld ausgeben. Im ersten für den Kauf eines ruhigen Gewissens, im zweiten für den Erwerb von Dingen, die man nicht braucht.